Gibt es eine Katharsis auf Katahdin?

„Any moment might be our last.Everything is more beautiful because we‘re doomed. You will never be lovelier than you are now. We will never be here again.“ Homer, The Iliad

Gerade so schaffen wir es an diesem Abend noch zu einem See mit Zeltplatz bevor die Sonne untergeht. Außer uns ist niemand hier. Nur die Frösche quaken und die Wellen machen ein leises Geräusch der Unendlichkeit, wenn sie das Ufer berühren. 

Schnell kochen und essen wir unsere Ramen um dann ganz in Ruhe zuzusehen, wie die Sonne versinkt. Der See wird rosa, dann lila, dann blau. Kurz reißt die Ewigkeit den Vorhang beiseite. Dann wird es dunkel. Everything is more beautiful because we‘re doomed. 

Vom „the Notch“ hostel starten wir in die 100 mile wilderness. Das „Notch“ ist mit Sicherheit eines der coolsten Hostels auf dem Trail. Besser kann man ein Hiker-Unterkunft eigentlich nicht führen. Wir wären gerne länger geblieben und ich hätte mir gerne in Poet’s outdoor shop, der dazu gehört, eine komplett neue Ausrüstung gekauft. Toller Laden!

Unser Plan ist, die 100 Meilen in 5 Tagen zu laufen, also jeden Tag 20 Meilen. Das klappt am ersten Tag nicht ganz, und am zweiten so gar nicht, da es regnet, stürmt und gewittert. Mittags müssen wir uns in einem shelter aufwärmen und trocknen. Wir sind pitschnass und es ist eisig kalt. In unsere Schlafsäcke eingewickelt starren wir nach draußen, in der Hoffnung, dass es besser wird. Am nächsten Morgen regnet es erneut, das macht die vielen steilen Anstiege, ausgesetzten Stellen und Abstiege nicht einfacher. Nach drei Tagen sind wir gerade mal 50 Meilen gelaufen und sind schon fast am Ende unserer Kräfte. 

Die wilderness ist wirklich wunderschön, schimmernde Seen und tosende Wasserfälle begleiten uns. Pilze in allen Formen und Farben wollen an die Oberfläche dieser Welt und bis auf ein paar dayhiker sind wir ganz für uns in dieser Welt. Von hohen Bergen blicke ich auf Katahdin, unser Ziel. So nahe, wir sind fast am Ende angelangt. 

Obwohl dieser Trail so hart zu mir war, will ich ihn nicht beenden, ihn nicht abschließen. Abschließen heißt irgendwann vergessen. Dazu bin ich nicht bereit. 

Der PCT und CDT waren für die großen Fragen da: Was ist der Sinn des Lebens? (42). Was ist es, was die Welt im innersten zusammenhält?

Der AT ist persönlicher, tiefer, geht bis auf den Grund der Seele. Er wirft in mir Fragen auf, die immer unterbewusst da waren, die ich aber verdrängt habe. Schreckliche Fragen. Sie schwimmen langsam an die Oberfläche und lassen sich nicht untertauchen, lassen sich nicht mit Irgendetwas beschweren, lassen sich nicht mehr länger ignorieren.  Ich habe in diesem halben Jahr die schrecklichste und die traurigste Version von mir selbst getroffen. Ich bin wie eine von norush‘s Kaffeetassen in 1000 Teile zerbrochen und immer noch dabei, mich wieder zusammenzusetzen. 

Vielleicht ist das das Wesen dieses trails. Wirklich zu dir selbst zu finden. Vielleicht habe ich mich trotz meines freien Lebens doch immer angepasst, bin mitgeschwommen, habe Dinge getan, weil andere sie wollten. 

Trotz allem sind wir hier immer nur Touristen, wir eilen und rasen und hecheln durch die trails ohne innezuhalten. Weiter und weiter und dann den nächsten Trail. 

Wir sind die, die immer weiterziehen. Vielleicht möchte ich einfach nach Hause kommen. Vielleicht ist es Zeit, eines zu finden. 

Ich starre auf Katahdin und habe Tränen in den Augen. You will never be lovelier than you are now. 

Die letzen beiden Tage der wilderness werden flacher, wir laufen 28 und 23 Meilen, campen kurz vor dem Baxter state park und fallen am nächsten Morgen ausgehungert in den kleinen Supermarkt dort ein. Wir treffen „chairman“, den wir zuletzt im April gesehen haben und strawberry und croc, die wir in Shenandoah getroffen haben. Verrückt. 

Und dann ist er da, der letzte Tag. 

Von unserem shelter starten wir den letzten Aufstieg. New Hampshire und Maine haben uns darauf vorbereitet. Es ist anstrengend und episch. Als wir durch die Baumgrenze stoßen, klettern wir eigentlich nur noch nach oben. Der Wald liegt unter uns und zwischen uns und dem Gipfel des Katahdin liegen diese riesigen Felsbrocken. An drei Stellen bin ich froh, dass Thomas mich nach oben zieht. 

Danach wird es etwas „flacher“, eine Steinwüste, die über unserer Welt thront. Bis auf den Wind ist es ganz still hier, hier am Ende der Welt. Der Berg öffnet seine Tore und gewährt uns Einlass. Und wir starren sprachlos in sein Antlitz. 

Und nochmal geht es in Serpentinen nach oben, Minuten oder Stunden, als wir fast am Ziel sind, als ich das berühmte Schild sehen kann, denke ich, es müsste doch noch viel weiter sein. Das ist jetzt wirklich das Ende? 

Von allen trail Enden ist Katahdin der majestätischste Abschluss. Es ist atemberaubend. Überwältigend. Und traurig zugleich. 5,5 Monate sind wir gelaufen, alleine, mit Freunden, mit neuen Freunden, bei Regen, Gewitter, Hitze, Schnee. 

Als wir aufgebrochen sind, war unser Ziel die „triple crown“. Sie hat mir alles bedeutet. Jetzt, da ich sie habe, bedeutet sie nichts. 

Es sind die Menschen, die diesen Trail laufen, die mit ihm leben und von ihm leben. 

Es ist der Trail selbst. Nur das hat Bedeutung. 

We will never be here again. 

 

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