Donkeys, boulder and nearly there!

Der weiße Mini-Esel schaut mich aus großen Kulleraugen an, bis ich ihm das gepflückte Gras reiche. Seine rosa schnauze ist ganz weich. Der andere ist etwas größer und grau und ich streichle seine Ohren, die sich lustig anfühlen. Beide gehören zum Maine Roadhouse Hostel hier in Stratton, Maine, sowie der Hund „Zeus“, der meiner Meinung nach eindeutig ein Wolf ist. Doch er lässt mich zumindest einmal seinen Ball klauen und werfen. Können Wölfe apportieren? Dieser kann es. 

Das Hostel ist ein wunderschönes Idyll, ein aus der Zeit gefallener Ort. Das riesige Grundstück grenzt an den tiefen Wald und die Grillen zirpen und singen. Die Sonne leuchtet matt durch die Wipfel als Helios seinen Wagen wieder Richtung Erde steuert. 

Die letzten Tage waren hart. Kräftezehrend. Lang. Erschöpfend. 10 Tage waren wir unterwegs, sind zweimal nur in kleine Städtchen „rein und raus“ um Essen aufzustocken. Ohne zu duschen, auszuruhen oder zu rasten. 

Die Meilen in New Hampshire sind heftig, doch die „Whites“ sind wunderschön. Endlich durchstoßen wir die Baumgrenze, durchbrechen den grünen Tunnel und klettern mühsam und erschöpft nach so vielen Monaten ans Licht. Nadelbäume duften, die Luft ist frischer und fühlt sich anders an, es riecht nach Holz und Erde und Sonne. Bergrücken erstrecken sich in der Ferne und die Sonne spiegelt sich in kleinen Seen. 

Wir freuen uns über die Hütten hier, die immer an wunderschönen Plätzen liegen und genießen die Möglichkeit, dort kurz zu rasten, einen Kaffee zu trinken oder zu essen. Eine Übernachtung dort wäre wundervoll, leider aber zu teuer. 

Ein bisschen Hüttenfeeling bekommen wir dann doch, als wir im berüchtigten „dungeon“ der „lake of the clouds“ Hütte übernachten. Fast jeder hiker hat schon mal vom dungeon gehört, schreckliche Geschichten werden flüsternd weitergegeben. Und jeder zweite kennt jemand, der schon einmal dort übernachtet hat. 

Wir haben keine Wahl, ein Sturm ist angesagt und der Wind bläst mich jetzt schon fast vom Grat. Der Aufstieg auf den Mount Washington, der „gefährlichste Berg der USA“ wäre Wahnsinn. Also quartieren wir uns für 20$ im Verlies ein. 6 hiker haben dort Platz, wir sind froh, dass wir nur zu viert sind, das ist schon ziemlich eng. Und ja, es ist ein Verlies, ein Kerker. Aber es ist trocken. Denn draußen schüttet es wie am Ende der Zeit. 

Leise überqueren wir die Grenze nach Maine und den 2000 Meilen Marker. 

Und es bleibt anstrengend. 

Es ist frustrierend, den ganzen Tag zu laufen, nur um am Abend festzustellen, dass man 14 Meilen gemacht hat. Es sind harte Meilen hier. Die härteste Meile des AT ist einfach nur voller Felsbrocken, die ein Riese wutentbrannt von sich geworfen hat um den Weg zu versperren. Wir brauchen 2 Stunden für eine Meile. Es ist erschöpfend. 

In diesen Tagen bin ich so oft kurz davor, das ganze hinzuschmeißen. Mein Knie schmerzt seit den „Whites“, ich kann es nicht mehr beugen, es ist geschwollen und tut bei jedem Schritt weh. Doch dann denke ich: so kurz davor, dann krieche ich eben mit Iboprofen Richtung Katahdin. 

Dieser Trail war so hart zu mir und manchmal, in schwachen Momenten denke ich, er hat mir mehr genommen, als gegeben. Er hat mein Herz gebrochen. 

Dann denke ich an alle anderen, die unsere Reise begleitet haben. Manche Begegnungen scheinen Jahre her zu sein, und gleichzeitig nur Minuten. Das ist verrückt, aber wahr. Und ich bin so stolz auf uns alle:

Wir haben unseren Elbogen ausgerenkt und sind nach einer Pause weitergelaufen, wir haben uns mit kochendem Wasser verbrannt und sind tapfer mit einer Brandwunde weitergelaufen, wir mussten mit mehr als 10 Stichen genäht werden und sind weitergelaufen. 

Wir mussten Freunde zurücklassen, auch wenn es schmerzte, wir haben unsere trailfamily verloren. 

Wir sind auf dem Trail von unserem Partner verlassen worden, wir haben uns so sehr verliebt, dass wir für jemand zu Hades in die Unterwelt gestiegen wären.

Uns hat man so weh getan, wie noch nie vorher in unserem Leben. 

Wir mussten ein verrücktes Paar babysitten, das völlig außer Kontrolle war. 

Wir haben unseren Fuß verletzt und mussten pausieren. 

Wir mussten Beziehungen, Freundschaften auf den Prüfstand stellen und neu bewerten und mussten neue Freunde finden. 

Wir wurden dafür diskriminiert, was wir sind. 

Wir waren der letzte und vorletzte, der mit einem hiker vor seinem Tod gesprochen hat. 

Wir tragen die Asche unserer Frau und unserer Mutter mit uns. 

Wir mussten nach Hause, um geliebte Menschen zu beerdigen und sind für sie weitergelaufen. 

Wir alle sind hier mit unserer eigenen Geschichte, unserem eigenen Trauma. Gegen manch andere ist meines lächerlich, doch sehr präsent.  Keines ist härter oder weniger wert als das andere. 

Ich bin wie ihr alle und wir alle laufen weiter, immer weiter Richtung Norden, dafür sind wir gemacht. 

Wir haben den Ausgang aus den dunklen Wäldern gefunden, sind mit den Wölfen gerannt. 

Wir sind erschöpft und unter Tränen auf Gipfeln angekommen und haben unseren Schrei ausgestoßen. Einen mächtigen, kraftvollen Schrei, der bis ins Tal reicht. 

Und wir alle werden wieder schreien, getrennt, an verschiedenen Orten und doch zusammen. Ich werde für uns alle von Katahdin schreien, und ich hoffe, ihr tut es auch für mich. 

So, let’s go girls, c‘mon ( for Tag Along )

And boys, of course 

Let’s do that fucking thing! I believe in us!

Happy trails 

 

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