Line Dance

Ein Zweitzelt wäre sicher eine kostengünstige Alternative zu einer Scheidung. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie teuer sowas ist. Wobei, wir sind beide arbeitslos, da sollte es billiger gehen. Aber die spannende Frage ist, was außer weiter laufen soll ich dann in den fünf Tagen machen? Und wie soll Joker die 100 Meilen, die ich dann voraus bin wieder einholen? Wird sie mir deswegen ein Angebot machen, dass ich nicht ablehnen kann? Werde ich krank und sie muss meine Männer-Grippe-Hand halten? Wird sie überhaupt jmd. finden, der uns mitnehmen würde? Und findet ein Scheich unseren Blog und beschließt unsere Wanderungen ab jetzt zu finanzieren wenn wir hin und wieder unsere Visage in eine Kamera halten? Nun, ein paar dieser Fragen sollen im laufenden Text beantwortet werden, auch die Frage, warum dieser Beitrag Line Dance heist.
Zunächst verbringen wir einen sehr entspannten Zero bei Cruze Control. Wir sitzen auf seiner Veranda und trinken Bier, tauschen Hiker-Geschichten aus und schmieden einen Wanderplan, der auch Logan mit einschließt, für nächstes Jahr. Bei unserer Videokonferenz ist Logan aber nur mäßig begeistert, weil es felsig und alpin werden soll. Aber wir haben ja noch ein Jahr, ihn zu überzeugen. Witzig ist, dass auch Cruze und Logan den PCT 2019 gemacht haben. Auch ihr Leben hat der Trail völlig verändert. Getroffen haben wir uns aber erst 2022 auf dem CDT. Diesen Herbst wollen wir Logan in Luxemburg besuchen, nach ein paar Bier wird er der Wanderung dann schon zustimmen.
Am nächsten Morgen ist der Himmel strahlend blau und die Sonne scheint, als wäre nichts passiert. Dabei hat es die letzten beiden Tage teilweise Hunde und Katzen aus allen Kübeln gegossen. Cruze fährt uns zurück zum Trail und wir nehmen Abschied. Vielleicht werden wir ihn sogar im Herbst bei Logan sehen. Man wird sehen. Wir machen noch lockere 18,8 Meilen an diesem Tag und treffen wieder auf unsere Tramily. Fast komplett, denn Tag-a-long hat beschlossen, sich einen Zero zu gönnen. Sonst passiert weiter nichts Aufregendes an diesem Tag. Oder doch? Joker gehen langsam die Tage bis zu den Traildays aus. Noch 6 Tage und weder hat sie einen Fahrer gefunden noch mir die ganze Sache schmackhaft gemacht. Moses, ihre bisher größte Hoffnung zu den Traildays zu kommen hatte einen Unfall mit Totalschaden, zum Glück wurde niemand verletzt. Daher zieht sie nun alle Register und unterbreitet mir ein Angebot, bei dem sie genau weiß, dass ich schwach werden werde. Und so kommt es auch. Außerdem hat MasterChef zwei Plätze für uns klar gemacht. Die Falle ist also zugeschnappt und ich werde mit 20000 Menschen an einem Ort gefangen sein, der kleiner als Wacken ist. Aber es gibt auch wieder was witziges. 12Pack, der uns fahren wird, war nämlich auch 2019 auf dem PCT und wir waren mindestens zweimal am selben Ort. Einmal die Trailmagic von Fishtank und dann in Hikerheaven. Erinnern kann sich bisher keiner von uns Dreien, aber vielleicht kommt da ja noch eine Erinnerung hoch, wenn wir uns treffen.
Die Tatsache, dass wir nun in 5 Tagen 115 Meilen laufen müssen, bringt mir die Traildays nicht näher. 20 Meilen (32 Kilometer) und/ oder 4 bis 5 Tausend Fuß (1200-1500 Meter) Steigung am Tag hat sich mittlerweile als angenehmes Tagespensum herauskristallisiert. Mehr bringt dann schon einen gewissen Stress mit sich. Aber es passieren dadurch auch ungewohnte Dinge. Am Montag fängt es fünf Uhr morgens zeitgleich mit dem Wecker zu regnen an. Erst ein kleines Tröpfeln und dann prasselt es herunter. Während ich daher um 7 Uhr immer noch eingerollt in meinem Schlafsack dem Wasser lausche, welches immer noch gnadenlos auf unser Zelt herunter stürzt, sitzt Joker schon fertig gepackt da. Auch läuft sie mir in diesen Tagen immer wieder davon. Sie scheint völlig beflügelt zu sein.
Aufgrund des schlechten Wetters und der mangelnden Zeit beschließen wir einen Roadwalk zu machen und in Buena Vista zu übernachten. Das White Tree Inn wird liebevoll von Marie geführt, die uns auch zum Einkaufen fährt. Wir treffen in der Pension auf Approach, die uns fragt, ob wir Lust hätten, mit ihr Line Dance zu gehen. Sie war auch noch nie und hätte Lust, sich das anzusehen. Gesagt, getan und wir stehen in einem Festsaal und versuchen den Schrittabfolgen zu folgen. Die Vortänzerin ist zwar nicht mehr ganz die jüngste, hat es aber noch voll drauf. Während sie leichtfüßig dahin gleitet, haben wir drei Mühe, nicht über unsere Füße zu stolpern. Die Anwesenden sind aber nachsichtig mit uns und nehmen uns sogar in ihre Mitte, damit wir immer jmd. vor uns haben, an dem wir uns orientieren können. Ich komme mir zu 100% wie in einem Hollywood-Film vor. Auch wenn wir uns nicht besonders gut anstellen, haben wir dennoch eine Menge Spaß und leeren danach noch ein paar Margaritas zu dritt. Auch Approach ist dabei, ihre Triple Crown dieses Jahr zu machen und hat sich dabei das Ziel gesetzt, in 100 Tagen durch zu sein, weshalb sie 25 bis 30 Meilen Tage macht. Nun, sie ist 20 Jahre jünger als ich.
Die restlichen drei Tage laufen stur durch. Wir hetzen uns dabei nicht, aber Dienstag und Mittwoch werden die Tage schon länger wie gewöhnlich. Am Donnerstag geht es dann also gen Traildays. Eines scheinen sie mit anderen berüchtigten Musikfestivals gemeinsam zu haben. Was auf den TD geschieht, bleibt auf den TD. Aber vielleicht gewährt euch Joker ja einen kleinen Einblick.
Bleiben also noch zwei Fragen offen. Dienstag erwache ich zwar mit Kopf- und Halsschmerzen, fühle mich aber Mittwoch schon wieder gut. Die Frage nach dem Scheich wird wohl unbeantwortet bleiben. Wir möchten aber darauf hinweisen, dass wir uns auch von weißen Cis-Frauen, afroamerikanischen Transsexuellen oder jedem Anderen sponsern lassen würden, der zu viel Geld hat.

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