Hexen und fliegende Affen

I‘m sorry, that this took so long,
I was distracted
and got lost in the woods.

Die „Cookie Lady“ sieht eigentlich gar nicht wie eine Hexe aus. Aber das ist vielleicht ihre Masche. Seit wir von ihr wissen, reden wir mit bushwack, tagalong und dreamer über nichts anderes. Hat sie eine Warze und fliegende Affen? Besteht ihr Haus aus Lebkuchen? Ist das alles eine Falle? Wird sie uns fangen und braten?
Als wir endlich an ihrem Häuschen im Wald ankommen, sind wir erstaunt, dass es wirklich wie ein kleines Hexenhäuschen wirkt.
Doch auf ihrer Veranda stehen hübsch aufgereit Wasser, 1. Hilfe Sachen und liebevoll eingepackte Cookies, sogar mit Stempel „the cookie lady of the south“. Die Tür geht auf und begleitet von einem verführerischen Cookie Duft steht sie vor uns. Sie ist gar nicht so alt, trägt keinen Umhang und hat rosige Wangen, ein nettes Lächeln und ein freundliches Gesicht. Wir plauschen ein wenig mit ihr, essen köstliche Cookies und ziehen weiter.
Mit den anderen drei laufen wir, seit wir Lubos und Tereza in Gatlinburg gelassen haben. Tereza hat Probleme mit der Achillessehne und die beiden sind ca 10 Meilen hinter uns.
Gatlinburg ist wie ein kleines Las Vegas für Hinterwäldler. Es ist das Tor zum Great Smokie Mountains National Park, ein Nationalpark, der ganz einfach und kostenlos auch nur mit dem Auto besucht werden kann. Am Abend vor Gatlinburg treffe ich „Wild cat“, ein älterer Mann, der aussieht, als würde er in den Bergen leben. Er hat übrigens Christine Thürmer damals, als sie noch nicht bekannt war, Karten für den CDT ausgedruckt. Lustige Zufälle.
Wild cat meint, er hat noch nie so viele übergewichtige Menschen in Turnschuhen gesehen, wie in Gatlinburg.
Und tatsächlich, diese Stadt scheint ein einziger Vergnügungspark zu sein. Menschenmassen stampfen zum Pancake-Frühstück, ziehen dann weiter zum Aquarium, dazwischen ein kleiner Halt im Süßigkeitenladen, sie rollen aus Dinern und Pizzerias, fallen aus Bussen und probieren „echten“ Moonshine und riesige Milchshakes. Ein Bussystem bringt die Massen von Attraktion zu Attraktion, so dass sie keinen Schritt laufen müssen. Am schönsten finde ich die Aufschrift der Busse: „the mountains are calling.“ Ich glaube nicht, dass einer dieser Menschen mehr als einen Schritt für ein Beweisfoto aus seinem Auto in Richtung Berge macht.  Eine perverse Ausgeburt der Konsumgesellschaft, doch für uns genau das richtige: die Hotels sind so billig, dass wir uns 2 Nächte gönnen und jedes 2. Haus ist ein Restaurant. Was will man als hiker mehr?
Nach Gatlinburg ziehen wir weiter durch den Great Smokie Mountains National Park, es geht etwas höher hinauf und die Laubwälder verwandeln sich, werden zu moosigen Zauberwäldern. Moos bedeckt jeden Baum, jeden Strauch und den Boden. Ein Elbenwald.
Es ist kühler hier und es regnet einen Abend und den halben nächsten und plötzlich trifft mich ein Geruch, der von nassem Holz und den nassen Nadelbäumen ausgeht: es riecht nach Washington! Sofort rieche ich Blaubeeren und huckleberries, ziehe an hohen Bergen vorbei, die so nahe und greifbar scheinen, steige im Nebel steinige Wege hinauf, um am Grat oben vom nächsten Berge überrascht zu werden, der in den Himmel zu ragen scheint. Ich rieche Blaubeereis und fühlen einen kurzen, stechenden Schmerz und eine Art Wehmut, etwas so nahe zu sein, das man nicht greifen kann und meine Augen füllen sich mit Tränen.
Danach werden die Elbenwälder zu Feenwäldern, bemooste Steine, kühle Bäche und tausende von kleinen weißen Blumen, die den Boden bis zum Horizont bedecken. Eine wilde Idylle. Spektakulär ist dann der steile Abstieg nach Hot Springs, unten rauscht schon der breite Fluss, während wir uns von Stein zu Stein hangeln. In Hot springs machen wir kurz im Hostel halt. Wir müssen dringend unsere Kleidung waschen und brauchen eine Dusche. Für 15 $ können wir das tun, zudem dort chillen, Sachen aus der hiker Box nehmen, Kaffee trinken und unsere Sachen aufladen. Wir stocken unsere Vorräte auf und nach einem Lavendel Latte und pervers guter ice cream steigen wir am Nachmittag ein paar Meilen nach oben, wo unser Zelt dann nachts hoch über dem Fluss thront.
Und dann, auf dem Weg nach Erwin, werden wir mit Trailmagic nur so überschüttet: Muffins, kalte Getränke, veganes chilli, Cookies in allen Formen und Geschmäckern, Süsskram, alles was sich vorstellen kann, und das gleich früh am Morgen.
Mit gefüllten Bäuchen geht es weiter, denn „nomad“, den wir schon 2 mal verpasst haben, macht heute 10 Meilen weiter erst pancakes und dann grilled cheese. Wir lassen den Tag gechillt mit Bier ausklingen und nehmen den ersten Zeltplatz, der uns anspringt. Und damit nicht genug: am nächsten morgen stehen mitten im Wald 3 cooler mit Softdrinks, Sandwiches und Gemüsesticks. Die Trail Community ist unglaublich!!!
Nach 344 Meilen kommen wir im Uncle Johnny’s an, ein legendäres Hostel. Auch hier hat Hurricane Helen 2024 stark gewütet. Die komplette Brücke über den Nolichucky River ist zerstört. Wie viele Gemeinden und hostels hier sind die Menschen hier immer noch mit dem Wiederaufbau beschäftigt.
Wir haben dort ein Zimmer für uns ganz alleine gemietet, chillen, trinken Kaffee, fahren in die Stadt um Vorräte zu kaufen und genießen einfach einen freien Tag. Es gibt ein wunderschönes kleines Badehaus mit Duschen und loaner clothes (Klamotten die man sich leihen kann, bis die eigene wieder sauber ist, anm. d. Red.). Ich finde dort ein super schönes grünes Hippie Kleid und fühle mich nach der Dusche wie eine Prinzessin. Es ist witzig, wie alle Frauen in Trail Klamotten hineingehen, und in Kleidern mit offenen, langen Haaren hinauskommen. Wir alle sind schon etwas gebräunt, muskulös, und die Männer starren mit offenen Mündern.
Nächste Trailmagic: troublebus und Daddy longlegs sind ehemalige AT hiker und bringen Pizza! Irgendwie scheint beide der Trail nicht loszulassen, ich glaube, sie leben hauptsächlich on Trail.
Troublebus redet ständig, ist voller Energie und erinnert mich an den Typen aus Fargo, der seinen Kumpel zerhächselt.
Daddy longlegs heißt eigentlich Dan und ist das genaue Gegenteil. Er ist riesengroß und ruht in sich selbst. Er spricht nicht viel, wenn er es tut, macht er das mit tiefer Stimme und einem breiten Dialekt aus dem Süden und wenn er sitzt, scheinen seine Gliedmassen in alle Richtungen zu stehen. Ich habe noch nie einen Menschen mit einem so ehrlichen Lächeln gesehen. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass er ziemlich viel kifft. Wenn er nicht kifft, zündet er sich eine Mentholzigarette an.
Wir spielen mit troublebus‘ Hund und reden über den Trail, später sitzen wir mit Jonathan und den beiden am Feuer, unicorn bringt Rotwein …. Es ist ein Abend, an dem eine unglaubliche Elektrizität in der Luft liegt, an dem alles möglich scheint und greifbar wird. Ein Sommerabend, wie nach einem langen Tag am See. Meine Superkraft ist, die letzte in der Nacht am Feuer zu sein. Dort sitze ich mit Jonathan und Dan und wir rauchen seine Menthol Zigaretten, bis das Feuer ausgeht, und ich in mein warmes Bett schlüpfe.

1 thought on “Hexen und fliegende Affen

  1. Myrtis, du schreibst so lebhaft, dass ich mich voll dabei fühle. Euch geht es gut, wie es scheint,und das ist die Hauptsache. Wünsche euch noch einen guten Trail.

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