The sparrows are flying again

Als Teenager habe ich Stephen King verschlungen. Und auch wenn mir dieses Leben Lichtjahre entfernt erscheint, hat es etwas magisches für mich, durch Maine zu laufen. Leider ist es immer noch kein bisschen weniger anstrengend als in New Hampshire. 

Wir nehmen daher mal wieder einen unexpected zero, weshalb wir nun beim 22.8. sind. Wir chillen den kompletten Tag, was bitter nötig ist. Unsere Muskeln brennen bei jeder Steigung und Joker hat Knie. Dennoch machen wir uns am nächsten Tag auf in den vorletzten Stretch. 15 Meilen und 5160 Fuß (1600m) gilt es zu bezwingen. Der letzte 4000er (Fuß) vor Katahdin, die beiden Spitzen des Bigelow Mountain bieten eine spektakuläre Aussicht auf den nicht weniger spektakulären Flagstaff See.

Am nächsten Morgen werden wir im Kanu über den Kennebec River gebracht. Der Fluss ist gar nicht mal so tief, aber breit und seine Steine glitschig. Daher können sich Hiker kostenlos in der Zeit von 9 bis 14 Uhr übersetzen lassen. Nach sechs Meilen erreichen wir pünktlich zum Regen ein Schelter, dass ging nochmal gut. Wie schnell hier aber das Wetter umschlagen kann, wird uns in der nächsten Pause wieder mal bewusst. Auf einem kleinen Gipfel oben lassen wir uns im Sonnenschein nieder. Ich habe gerade meine Cliff Bar mit Erdnussbutter eingeschmiert, da wird es plötzlich grau und wir hören Donner. 15 Minuten später tragen wir Regenkleidung und es prasselt auf uns herab. Abends dann wieder Sonnenschein und nachts Gewitter. Die Blitze flackern nur kurz auf, aber das Donnern rollt langsam an, entfaltet sich und rauscht über einen hinweg. Einmal habe ich das Gefühl, der Donnerschlag endet nie. 

19 Meilen, ein kleiner Anstieg und ansonsten viel easy going aber auch immer wieder Wurzeln und Felsen. Es ist ein schöner sonniger Tag und wir machen uns kennen Stress. Es gibt hier und da einen See und eine Aussicht. Samstag morgen bleiben dann nur noch vier Meilen und wir werden zum Shaw Hostel abgeholt.

Ja, es geht dem Ende zu. Und nun zeigt sich, dass ich als Jugendlicher nicht nur auf dem Friedhof der Kuscheltiere unterwegs war, sondern auch viel Sport getrieben habe. Desto weniger Meilen es sind, desto mehr geht mein Körper in den Endspurt und gibt nochmal Ressourcen frei. Durch die vielen Angebote an Nahrung hab ich diesmal tatsächlich nur drei Kilo verloren. Ok, ein paar Muskeln hab selbst ich hinzubekommen. Während mein Körper also  dem Ende entgegen rennen möchte, ist mein Kopf damit beschäftigt ein Resümee zu ziehen, dass Erlebte einzuordnen.

Auch ich habe das Gefühl, dass mir der Trail mehr genommen als gegeben hat. Aber woran genau macht man das eigentlich fest? Es gab positive und negative Erlebnisse und beide haben mich ein Stück verändert. Ich habe wieder einiges über mich gelernt, was erstmal gut ist. Vielleicht lernt man auch mehr aus negativen Erfahrungen? Aber ist es das Gelernte wert, das man die negativen Erfahrungen macht? Ihr seht, am Ende unserer Krone beschäftige ich mich mit dem essentiellen Dingen des Lebens. Eine Frage, die mich seit dem wir letztes Jahr aufgebrochen sind nie beschäftigt hat, ist die, ob es die richtige Entscheidung war, finanzielle Sicherheit für Abenteuer aufzugeben. Mir ist bewusst, wie privilegiert ich bin, so eine Entscheidung überhaupt treffen zu können. Natürlich gehört ein wenig Mut und Sparsamkeit dazu, aber viele Menschen auf dieser Erde haben nicht die Möglichkeit, solche Entscheidungen treffen zu können. Ich bin dafür sehr dankbar, das machen zu können, was ich möchte, ganz egal, wie lange das so gut geht. Dankbar bin ich auch für die wahnsinnige Unterstützung und die Gastfreundschaft, die wir hier wieder erfahren haben. Einer einzigen negativen Erfahrung stehen unzählige Male Trailmagic, rides, gute Gespräche und allerhand Kleinigkeiten gegenüber, die uns das Erreichen nicht nur leichter gemacht sondern uns auch menschlich bereichert haben.

Morgen geht es dann in den letzten Stretch. Zunächst wartet die 100 Mile Wilderness auf uns, die wie der Name sagt 100 Meilen lang ist. Die wollen wir in fünf Tagen laufen, dann sind wir schon an den Toren des Baxter National Parks. Dort im Camping Store nochmal Essen auffüllen, ein Permit für den Campingplatz holen und Samstag dann der letzte Anstieg. Soweit der Plan. Joker wir berichten, ob es dann so gekommen ist. 

Bleibt stabil. Die Welt ist bunt.

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