Was wird

Vor vier Wochen haben wir den AT beendet und sind zuerst nach Thailand, dann nach Kambodscha und nun geht es von Bangkok aus wieder nach Europa. Vier Wochen Asien haben mich nach dem Trail wunderbar entschleunigt. Dazu habe ich natürlich neue Eindrücke gewonnen und neue Inspiration erhalten. Zeit, das Thema Triple Crown zu verarbeiten und in einem Tattoo zu verewigen, hatte ich natürlich auch.

Als wir 2019 aufgebrochen sind, um fast 4300 Kilometer zu laufen, dachten wir noch, es wäre ein einmaliges Abenteuer. Ausgerechnet durch einen Reese Witherspoon Film kamen wir auf die Idee, uns auf den PCT zu begeben. Und auch wenn ich mein ganzes Leben schon gewandert bin, war ich nicht im Geringsten vorbereitet. So sind wir beide zum Beispiel mit je 4 Litern Wasser gestartet, ist ja Wüste. Aber das bereits nach zwei Meilen die erste Quelle kommt, hatten wir nicht auf dem Schirm. Auf dem Trail lernst du am besten schnell, denn das erspart zusätzliche Anstrengung und kann durchaus auch deine Gesundheit schützen. Nach wenigen Tagen war daher unser Rucksack durchstrukturiert und ich wusste immer genau, an welchem Platz was zu finden ist. Haben wir 2019 noch zu wenig gegessen und vor allem Proteine vernachlässigt, waren wir 2022 auf dem CDT schon viel besser. Auf dem PCT habe ich beim ersten Mal 18 Kilo verloren. Gut, auch auf dem CDT waren es 18 Kilo, aber ich hatte vor dem Trail auch maßlos gefressen und einen dicken Bauch mit zum Trail gebracht. 2025, als wir den Arizona Trail und unsere fehlenden PCT Meilen gelaufen sind, waren es nur noch 6 und dieses Jahr sogar nur 3 Kilo, die ich verloren habe.

„Es ist ein gefährliches Geschäft, Frodo, vor die Tür zu gehen. Du betrittst die Straße, und wenn du nicht auf deine Füße aufpasst, weißt du nie, wohin du fortgerissen wirst.“ Und Recht hatte der gute J.R.R. als er Bilbo diese Worte in den Mund gelegt hatte. Denn das Langstreckenwandern hat uns nicht mehr losgelassen. Und es macht so viel mit deinem Kopf, ob du willst oder nicht. 2019 musste ich erstmal unschöne Gedanken verarbeiten, die mit meinem damals frisch gekündigten Job zu tun hatten und von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie noch verarbeiten muss. Man ist seinem Hirn einfach brutal ausgesetzt, wenn man nicht viel anderes zu denken hat, als wo kriege ich Wasser, Nahrung und ein Platz für mein Zelt. Aber ich habe dabei auch viel über mich gelernt. Vor allem, dass ich niemals fertig sein werde. Nicht mit dem Wandern und auch nicht mit dem Denken. 

Ein weiterer riesiger Teil ist die Trail Community. Wir haben zum einen so viel Hilfsbereitschaft auf allen Trails erfahren und zum anderen so viele wertvolle Bekanntschaften gemacht. Neue Freunde getroffen, die wie Familie für uns geworden sind. Es ist überhaupt spannend, wie schnell man jmd. sein Herz ausschüttet, den man kaum kennt. Unter Hikern ziemlich normal. Klar ist nicht jeder Hiker ein guter Mensch. Aber ich hatte in all den Meilen nur eine einzige negative Begegnung und ich denke nicht mal, dass diese Gestalt jemals einen Trail zu Ende gelaufen ist. 

Noch ein Aspekt ist, eine Beziehung auf dem Trail am Leben zu erhalten. Nachdem wir 22 gemeinsam überlebt haben, haben wir beschlossen zu heiraten. Dieses Jahr standen wir kurz vor der Scheidung. Es ist eben eine emotionale Achterbahnfahrt, von der man nie so genau weiß, wohin es als nächstes geht. Du denkst, du bist auf dem Weg nach oben und plötzlich rauscht du mit Karacho dem Abgrund entgegen.

Immer wieder wurden wir dieses Jahr gefragt, welchen Trail wir am besten fanden. Zwischen PCT und CDT kann ich mich nicht entscheiden. Sie sind wie eigene Kinder für mich. Eines (PCT) ist etwas schöner, eines (CDT) etwas vielseitiger. Aber ich liebe sie beide und würde mich nie entscheiden wollen zwischen diesen beiden. Der AT ist das Stiefkind, das einen immer mit diesem leichten Psychoblick anblickt. Man möchte es lieben, aber man schafft es nicht ganz. Auf dem AT habe ich das Wandern zum ersten Mal gehasst. Es war mir zu viel Zivilisation, zu viele Restaurants, zu viele Spinner. Dazu kommt dieses ständige steil rauf, steil runter. Auch mir bedeutet die Triple Crown nach dem AT nichts. Das klingt jetzt furchtbar traurig. Ist es aber nur bedingt. Es gab immerhin auch viel Schönes. Und ohne einen Preis soll ja bekanntlich nichts Wert haben.

Zum Schluss bin ich einfach dankbar, dieses Leben führen zu können und freue mich schon auf die nächsten Abenteuer. Es wird vermutlich erst mal etwas kürzer jetzt. Wir haben immerhin alleine in den USA 8220 Meilen (13230 Kilometer) gemacht. Da können wir es auch mal ruhiger angehen lassen. 

Happy Trails

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