“Wenn die Welt wirklich ne Scheibe ist, sind schon zu viele Kratzer drauf“ -Die Toten Hosen
Das Beruhigende für mich am Wandern ist u.a., dass ich komplett das Weltgeschehen ausblenden kann. Ganz selten überfliege ich mal ein paar Nachrichten, stelle fest, dass es noch einen Krieg mehr gibt, dass die deutsche Regierung das macht, was man von ihr erwartet während sich die Schlümpfe freuen, das Spanien Weltmeister ist. Aber das ist alles soweit weg von mir. Auch den Erscheinungstermin von Ferris und Afrobs neuem Album hab ich um Wochen verpasst. Unser vorrangiges Ziel ist es eben, Meilen zu machen, Wasser zu finden, zu essen, zu schlafen, Essen zu kaufen, in beliebiger Reihenfolge.
Zwei Meilen trennen uns nachdem Aufstehen noch vom Highway, der uns nach Rutland bringen soll. Es fährt dort sogar ein Bus, den wir aber nicht brauchen, weil nach einer Minute Daumen raus schon jmd. hält. Steve ist in den 70ern den Trail gelaufen und hat gerade seinen Enkel ins Sommer Camp gebracht. Er gibt uns eine kurze Sightseeing Tour und lädt uns dann am Motel ab. Wir duschen, kaufen ein und das wars.
Keine 50 Meilen trennen uns nun von New Hampshire, dem vorletzten Bundesstaat. Das Vermont zum Teil sehr matschig ist, hat auch seine Vorteile, wenn der Boden nicht mit Wurzeln oder Gestein bedeckt ist, ist er recht weich, was sehr angenehm zu laufen ist.
Aber auch Vermont lassen wir schließlich hinter uns und nun geht es hoch hinauf. Die Whites in New Hampshire warten auf uns mit ein paar 4000ern. Ok, 4000 Fuß, aber es geht oft steil über Felsen und Wurzeln hinauf. Daher gönnen wir uns einen Slackpack Tag. Wir schlafen zwei Nächte im The Notch, dafür fahren sie uns am zweiten Tag zurück zum Trail und holen uns knapp 18 Meilen später wieder ab. so müssen wir nur Essen und Wasser tragen. Dummerweise unterschätzen wir die Strecke etwas. Wir haben uns für das frühere Shuttle angemeldet, das uns 9,5 Stunden Zeit gibt. Als wir aber den ersten von zwei Gipfeln erreichen wird uns klar, dass wir keine Zeit mehr für Pausen haben. Also laufen wir 4 Stunden 20 Minuten durch, was die Stimmung etwas drückt. Am nächsten Morgen sind wir so erschlagen, dass wir spontan einen Zero machen.
374 Meilen haben wir nun noch übrig. Voraussichtlich wird es der 21.08. werden. Dann wollen wir den Trail beendet haben und erstmal irgendwo in der Wärme, Meer und Strand und gutes Essen. Gut vier Wochen noch, dann scheint es war zu werden. Wir dürfen uns Triple Crowner schimpfen. Als wir 2019 den PCT begonnen haben, hätte ich mir das nicht im Geringsten denken können. Obwohl ich damals frisch mein Leben als Buchhändler beendet hatte, war die Vorstellung, sich noch weitere zwei Mal eine Auszeit zu nehmen, eher absurd. Jetzt sind wir schon zum vierten Mal für Monate am Wandern. Wir haben uns in diesen Lebensstil verliebt und wollen nicht darauf warten, bis wir in Rente sind. Wir bekommen vermutlich eh nichts mehr und dazu weiß man nicht, was der Körper so im Alter macht. Meine Augen verdeutlichen mir bereits seit einiger Zeit, dass ich keine 30 mehr bin. Aber insgesamt kann ich mit dem allgemeinen Zustand meines Kadavers zufrieden sein. Dennoch sind fürs nächstes Jahr ein paar Meilen weniger geplant. Aber, soviel darf ich schon mal verraten, es wird in die fünfte Wandersaison gehen, und das ist auch gut so.

Ihr macht alles richtig. Wir wünschen euch noch wunderschöne vier Wochen auf eurem Abenteuer!