Flüsse, Berge und eine bernsteinfarbene Sonne

Die kleine Holzbrücke, die über den Fluss zu unserem Zeltplatz führt, ist schon etwas warm von der Morgensonne. Die Nacht war ziemlich kühl für eine Sommernacht und ich habe mir eine Tasse Kaffee gemacht, um mich aufzuwärmen.

Ich lasse mich auf den Holzplanken nieder und genieße die Ruhe des Waldes, seinen Geruch, sein Flüstern. Das ist meine Zeit des Tages, die kurze Zeit, in der ich ganz alleine sein will.

Die ersten Vögel beginnen zu singen, der Fluss erzählt seine Träume und die Sonne spitzt schon durch ein paar Äste und ihre alles bedeckenden Blätter. Ein paar Sonnenflecken nehmen auf der Brücke langsam Gestalt an, werden real. Sie sind fast golden und die Sonne ist – aus Bernstein.

Massachusetts ist an uns vorbeigeflogen, so wie Zeit eben fließt, wenn man nicht viel rastet.

In Great Barrington konnten wir unser Zelt im Wald hinter dem Gemeindezentrum aufstellen. Für 8 $ können hiker dort zelten, duschen und den Pool benutzen. Ganz für uns haben wir den Zeltplatz im Wald, wir wagen es, ohne rainfly zu schlafen und werden nachts promt von einem Sturm geweckt. Nur in Unterwäsche versuchen wir verzweifelt, den Regenschutz über das Zelt zu werfen.

Es ist unerträglich heiß in den letzten Tagen. Auf der Straße aus der Stadt heraus denke ich, meine Schuhe schmelzen auf dem kochenden Asphalt. Im Graben liegen achtlos weggeworfene Dinge: Flaschen, Zigarettenschachteln, Socken, ein Computer… ich hoffe immer, einen Goldbarren zu finden, den irgendjemand in einer ausweglosen Situation loswerden musste. Wie in einem Cohen-Brothers Film. Ein Typ will das schnelle Geld machen, lässt sich mit den falschen Leuten ein, hat plötzlich einen Haufen Goldbarren im Kofferraum und wirft einen aus dem Fenster, bevor die Polizei ihn schnappt. Oder die Gangster. Und hier komme ich ins Spiel.

Irgendwie verwandelt man sich als hiker wieder in das Kind, das man einmal war. Man inspiziert Müll, weggeworfene Dinge, schaut, was man gebrauchen könnte, ob Zigarettenschachteln wirklich leer sind… und stochert mit Trekking poles wie früher mit Ästen an toten Tieren herum. Als Kind war das alles aufregend, jeder Tag ein selbsterklärtes Abenteuer.

Ich bin mir nicht sicher, wann man diese Neugierde und die Vorfreude auf den nächsten Tag, der sich unendlich von morgens bis abends spannt, verliert. Irgendwann ist es fort.  Vielleicht ist das etwas, das wir wieder finden wollen. Wir leben in unserer eigenen Welt wie die Kinder in „Herr der Fliegen“. Machen unsere eigenen Regeln.

Tauschen unsere 9 to 5 Outfits in Shorts und hoodies.

Tragen unsere dreckigen Klamotten, solange wir wollen und duschen, wenn es wirklich nötig ist, nicht, wenn irgendjemand es uns befiehlt.

Wir stehen früh auf, um die Sonne zu fangen und jagen sie den ganzen Tag, bis sie hinter den Bergen verschwindet.

Wir suchen Steine in Flüssen und sitzen auf Felsen und um Lagerfeuer. Wie früher.

Wir essen Gummiwürmer, Schokolade und eigene Kreationen wie Tortillas mit Thunfisch und M&Ms, einfach weil wir es können.

Wir geben uns trailnamen, werden jemand anders, oder der Teil von uns, der wir eigentlich sind.

Ich denke, die Natur bringt unser wahres Gesicht zum Vorschein. In der Wildnis begegnen wir uns selbst, roh, wild und kompromisslos.

In Dalton sitzen wir alle einen Regentag aus. Nur die mutigsten (30 blunt und OG) slackpacken Mount Greylock. Abends stehen und sitzen wir -triumphierend über die Natur- in unseren frisch gewaschenen Sachen, geduscht und satt unter dem Vordach unseres billigen Motels. Schauen dem Regen und den Waschbären zu, die im Müll wühlen.

Schon bald liegt auch Massachusetts hinter uns und wir überqueren die Grenze nach Vermont.

Die bernsteinfarbene Sonne begleitet uns die nächsten zwei Tage. Sie ist intensiv und blass zugleich, wirft ihre leuchtenden Strahlen auf Tautropfen, die zu Gold werden.

Ein Schleier bedeckt sie und den ganzen Himmel. Es ist eine seltsame Stimmung, als wäre es den ganzen Tag schon fast Abend.

Wie wir später erfahren, sind Feuer in Kanada die Ursache für dieses Schauspiel. Eine blasse Sonne, fast wie in Mordor.

„Vermud“ macht zwar seinem Namen alle Ehre, doch ich mag es. Immer rauscht irgendwo ein reißender Fluss, man läuft an Bieber-Dämmen vorbei, die wie Seen nach der Apokalypse wirken. Unter der Mordor-Sonne geht es nach oben und unten über Steine und Wurzeln.

Als wir dann nachmittags unsere letzten Kräfte mobilisieren, um Mount Killington zu besteigen, führt uns unser Weg in einen rauhen, luftigen Wald. Die Bäume haben ganz unbemerkt ihr Kleid getauscht, sie tragen nun Nadeln. Der süßlich-würzige Geruch lässt mich sofort an den PCT und Washington denken. Es ist eine perfekte Berg-Welt.

Am nächsten Morgen spitze ich aus dem Zelt: der Himmel ist wieder blau, die Sonne wie immer.

Als wäre alles nur ein langer Traum von einem seltsamen Kind gewesen.

Happy trails!

 

 

 

3 thoughts on “Flüsse, Berge und eine bernsteinfarbene Sonne

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert