Zunächst möchte ich mich bei all denen entschuldigen, die den AT lieben, wenn ich manchmal etwas hart mit ihm bin. Okay, von diesen Leuten liest keiner diesen Block, aber sorry guys. Fairerweise muss man aber sagen, dass der Trail seit Jersey und New York etwas interessanter geworden ist. Es gibt seitdem immer wieder die ein oder andere Kraxelei über Felsen, die ganz lustig ist. Sind die Felsen aber nass, hält das schon ein wenig auf. Leider sind wir hier aber auch der Zivilisation täglich ausgesetzt. Kein Tag, an dem man keine befahrene Straße kreuzt oder schlimmstenfalls zu nahe dran schlafen muss. Ich vermisse die Ruhe der anderen Trails.
Meine Blase weckt mich, normalerweise ist es mein Darm. Ich drehe mich auf den Bauch um auf mein Handy nach der Zeit zu sehen. Dabei bemerke ich die Blitze, die stroboskopisch über uns wüten. Ich setze meine Brille auf und blicke aus dem Fenster direkt vor meinem Gesicht und denke, gut dass wir spontan gezeroed haben. Als wir am nächsten Morgen auf den Trail zurückkommen, treffen wir auf Fozzy und seine Freundin Kappa sowie dem Dänen Flintstone. Von ihnen erfahren wir, dass es große Trailmagic in Salisbury gibt und das es dort die älteste öffentliche Bibliothek der USA gibt. Daher ändern wir spontan unsere Pläne, nicht das letzte mal diese Tage, und wir stopfen uns erst die Mägen voll und besichtigen danach die Bücherei. Zurück am trail erwartet uns dann noch eine kleine Kraxelei und der höchste Punkt Connecticuts. (2312 Fuß/ 705 Meter). Das klingt nicht nach viel, aber man geht halt mehrmals am Tag 300 – 400 Höhenmeter rauf und runter.
Um mich da zu pushen, höre ich viel Musik auf dem Trail. Manche Sachen manchmal rauf und runter, manchmal fällt mir ein Song ein, den ich gerade unbedingt hören will, oder auch komische Sachen. Durch einen Facebook Beitrag eines Berliner Straßenmusikers bin ich darauf aufmerksam geworden, dass das letzte Hosen Album erschienen ist Ich würde jetzt nicht sagen, dass sie in meinen Top 3 waren, aber wir haben eine Geschichte, von der zumindest ich weiß.
In Harper’s Ferry hab ich mich dann abends in die Ecke des Gartens verzogen, innerlich darauf eingestimmt, nichts zu erwarten, nach diesem unsäglichen Ballast der Republik, äußerlich ebenfalls darauf eingestimmt. Und ich mache es kurz, es gefällt mir. Hat seine Schwächen, aber insgesamt für so alte Säcke ein würdiger Abschied, wie ich finde. Gut, Düsseldorf hab ich bis heute nicht zu Ende gehört, zu langweilig und das Lied über sein Kind ist mir zu persönlich. Den Rest habe ich aber schon einige Male angespielt. Nach drei Mal hören ging mir sogar “Lass mal nicht machen” ins Ohr. Ein bis zwei Mal war ich durchaus bewegt, an welchen Stellen darf ich hier tatsächlich aus Lizenz Gründen nicht schreiben, ebenso darf ich zu dem Thema auch nichts weiter verraten.
Wir treffen Cpt. Morgan, der ursprünglich aus Norddeutschland kommt uns seit 6 Jahren in New York City wohnt. Seine norddeutsche Herkunft ist klar erkennbar, wenn er deutsch spricht. Er wandert den Trail abschnittsweise und diesmal southbound, da er so nach Hause laufen kann. Als wir uns kurz vor sechs am Morgen bei ihm verabschieden, spüren wir drei bereits, dass dies ein heißer Tag wird. Als wir zwei Stunden später oben über dem Grat laufen, brennt die Sonne bereits auf uns herunter. 35° Celsius wird es heute geben die sich laut der Wetter App wie 41° anfühlen. Daher ändern wir mal wieder unsere Pläne uns beschließen in Great Barrington zu übernachten. Hinter dem Gemeindecenter dürfen AT Wanderer dort angeblich umsonst zelten, was sich als nicht ganz richtig herausstellt. Die acht Dollar für die Dusche muss man nämlich ausgeben, wenn man dort schlafen will, dafür ist aber die Benutzung des Schwimmbads auch mit drin. Dort lassen wir unsere Körper in einem Entspannungsbecken einweichen und anschließend steht ein Besuch bei der örtlichen Brauerei auf dem Plan.
Dort angekommen sind wir erst mal froh, dass wir unser Townkleidung anhaben. Wenn auch beide ohne Unterwäsche, dafür aber mit nicht stinkenden Klamotten. Mit unserer stinkenden Hikerkleidung hätten sie uns allein wegen der anderen Gäste gar nicht reinlassen dürfen, denn neben denen sind wir natürlich aufgefallen, mit unserer sehr einfachen Gewandung. Auch der Kellnerin ist nicht entgangen, dass sie hier Hikertrash am Tisch sitzen hat, weshalb sie etwas länger benötigt, um uns zu finden. Besonders red sinnig ist sie mit uns nicht, so wie bei den Gästen mit förmlicher Kleidung. Ich mein, dass sie uns überhaupt reingelassen haben, wie wir aussehen und uns bedient haben, dass war schon nett und Bier und Essen lecker. Aber man merkte halt, unsere Bedienung dachte sich, von denen bekomme ich eh kein großes Trinkgeld. Und sie sollte Recht behalten.
Mittlerweile sind wir in Massachusetts angekommen. Jersey, New York, Connecticut. Die Staaten fliegen gerade an uns vorbei. Kaum hat man realisiert, in welchem Staat man ist, ist man auch schon wieder draußen. Den 4. Juli verbringen wir auf dem Trail. Es ist Samstag und noch immer recht warm und es stehen gerade mal 18 Meilen auf dem Programm. Wir schlafen diesmal in einer richtigen Hütte auf Bunkbetten. Mit etwa zehn anderen Wanderern hängen wir auf der Porch ab, als es wie aus Kübeln zu regnen beginnt. Trotz unserer ausgelassenen Stimmung ist die 250 Jahresfeier nicht besonders ausufernd. Joker hofft darauf, dass jemand Bier vorbeibringt, was allerdings nicht passieren wird. Was aber passiert ist, dass uns jemand Pizza vorbeibringt. Sogar besser als Bier, da ich mal wieder zu wenig zu essen habe.
In Pittsfield haben wir dann für Montag ein Zimmer in einem billigen Motel gebucht. Da sich der Regen aber von Montag auf Dienstag verlagert, nehmen wir spontan einen Zero. Am Abend zuvor treffen wir am Shelter auf Happy, der sich weigert, seine Triple Crown zu machen und als erster Wanderer in die Geschichte eingehen will, der nur zwei Trails gelaufen ist. Den AT und den PCT. Und bei seiner Schilderung, wie er am Letzteren mit Schnee zu kämpfen hatte, verstehe ich ihn schon, warum er bei Schnee nicht in Colorado sein will. Aber niemand macht nur zwei! Wo ich ihm wieder zu stimme is, dass auch ich genervt war von den abgebrochenen Gestalten, die einem auf dem AT im Süden immer wieder begegnen. Alle tun so, als würden sie wandern oder seien den Trail sogar schon gelaufen. Fast ausschließlich Single Männer, die mit den Wanderern eine Community gefunden haben, die praktisch jeden aufnimmt. Happy hat daher die “legendären“ Hostels oft ausgelassen, um nicht wieder ihre Geschichten zu ertragen. Ob sie nun in Afghanistan waren oder einfach nur von ihrer Frau verlassen wurden, was sie alle gemein haben ist, dass sie nichts auf die Reihe kriegen außer Hiker vollzutexten. Das hat auch mir die coolen Hostels vermiest. Bei den uncoolen Hostels durfte man kein Alkohol trinken oder hat sein Bett abgezogen vorgefunden, wenn man um halb acht morgens aufs Klo musste. Check out ist wohlgemerkt um neun. Nein ich und die Hostels sind keine guten Freunde geworden, weshalb ich ihre Abwesenheit hier im Norden nicht bedauere.
