All lying across the ground Try not to make no sound To make or break you down, I said To make or break you down, I break (Kasabian) Es ist heiß. Es ist so heiß, dass ich das Gefühl habe, meine Schuhe klebten auf dem Asphalt fest. Wie Kaugummi, den man abziehen will. Wir sind auf die Straße ausgewichen, da der Trail unerträglich dampfig ist. Tote Tiere reihen sich aneinander, ein totes Opossum, das Maul verzerrt zu einem lautlosen Schrei. Tote Eichhörnchen, Mäuse, Schlangen, wieder Opossum. Ich frage mich, ob die toten Tiere beim Abziehen auch eine Kaugummispur hinterlassen. Die feuchte Hitze drückt mir auf den Schädel und aufs Gemüt. Meine Stimmung ist schwärzer als der tiefste Punkt des tiefsten Sees dieser Erde. Dann, nach zwei Tagen, setzt der Regen ein. Nasse Schuhe am Morgen, nasse Schuhe am Abend, nasse Socken in nassen Schuhen. Immer. Nasses Zelt beim Aufstellen, nasses Zelt beim Abbauen. Zuerst stimmen mich die vielen kleinen orangen Salamander, die der Regen anzieht, milder. Doch dann sehe ich nur noch Salamanderteile, Ärmchen, Köpfchen, niedergemäht von Autos. Eigentlich sollte Shenandoah lustig werden, eine Belohnung für uns alle. Geplant war, nach den trail days in Damascus 4 Kanus zu reservieren und mit Freunden, etwas Bier und guter Laune den Shenandoah River hinunterzuschippern. Leider war der Wasserstand zu niedrig und jetzt gießt es Wasser im Überfluss vom Himmel. Shenandoah ist ein Desaster, trail days war zur Hälfte ein Desaster. Alles Schöne und Gute, das dieser Trail hatte, habe ich dort im magischen Wald in einer Sternennacht im Fluss versenkt. Neben einem Durston Zelt mit zu vielen Brandllöchern. Manchmal frage ich mich, ob ich den Acid Trip, den mir NoRush angeboten hat, doch genommen hab, noch immer in diesem Wald bin und einfach den Ausgang nicht finde. Ich habe den Eindruck, dass wir überhaupt nicht vorwärts kommen, machen an manchen Tagen nur 8 Meilen wegen des Regens. Am 3. Regentag liest uns „Santa“ auf, er ist camp Host auf einem Zeltplatz und setzt uns unter sein warmes, riesiges Tarp, kocht Spaghetti, gibt uns Snacks und Bier und bietet uns an, unser Zelt hier kostenlos aufzuschlagen. So viel Wärme und Freundlichkeit! Am nächsten Tag regnet es immer noch. Thomas fragt, ob ich hierbleiben oder weiterlaufen will und ich sage, ich möchte gerade nirgendwo sein. Ich kann es nicht erklären und drehe mich weg. Nach einem Kaffee laufen wir dann doch weiter, am nächsten Abend schlafen wir einfach im Wäscheraum auf einem campground. Hier ist es wenigstens warm. Und trocken. Ich fühle mich leer und traurig, habe die Kontrolle verloren. Eine riesige Bestie hat mich verschlungen und ich bin in ihrem Magen gefangen. Ich bräuchte ein Messer, um ihr den Bauch aufzuschneiden, ins Freie zu kriechen, doch ich habe keins. In Front Royal trocknen wir unsere Sachen in einem billigen Motel. Billige Motels sind der Vorhof zur Hölle. Menschen kommen von irgendwo mit leeren Gesichtern, gehören nirgendwo hin und gehen irgendwann wieder. Trostlos sitzen sie draußen zum Rauchen, ich bin eine von ihnen, gehöre nirgendwo hin. Auch an meinem Geburtstag sitze ich dort im Regen und weiß nicht, was in meinem Gesicht Regentropfen oder Tränen sind. Wir ziehen weiter, lassen Shenandoah endlich hinter uns. Ein sinnloser Schritt nach dem anderen in weitere Sinnlosigkeit. Irgendjemand hat in meiner Welt das Licht ausgemacht und ich finde den Schalter nicht. Ich wünschte, diese Geschichte hätte hier einen Turningpoint, doch hat sie nicht. Es gibt keinen Gott oder eine helfende Hand, die von oben kommt. Das ist mir schon lange klar. Und vielleicht gibt es auch keine guten Geister des Waldes, die Cocktails in Baumlöchern verstecken, keine Hunde, die einem Bier schenken. Vielleicht sind Äste auf dem Trail, die wie Pfeile oder Zeichen aussehen, einfach nur Äste. Vielleicht hat man, auch wenn man 10 vierblättrige Kleeblätter findet, trotzdem kein Glück, vielleicht sorgt der Trail nicht für einen, gibt keine Antworten und vielleicht gibt es dort keine Magie und auch nicht in der Welt. Meine Welt war schöner, als ich noch an diese Magie geglaubt habe. Warum ich das alles so schonungslos berichte? Weil ich glaube, dass es wichtig ist. Zum einen ist kein Trail immer schön. Man leidet wahrscheinlich am Ende einfach unter kollektiver Amnesie. All die Instagram Posts mit den fake smiles, mit immerwährendem Glück und ununterbrochener guter Laune sind einfach nicht real. Ich frage mich momentan, wie wir früher gewandert sind. Nicht für clicks oder follower, einfach nur für uns ….. Zum anderen möchte ich den Hut ziehen vor allen Menschen, die manchmal an der Welt leiden. Alle, die mit Depressionen, Angst, Traumata zu kämpfen haben, alle, die jemand verloren haben und trauern, allen, denen es gerade einfach nicht gut geht. Ich war 3 Wochen in der Hölle und bereit, vor einem Zug zu springen. Manche kämpfen immer wieder damit. Mein Respekt. In Harpers Ferry treffen wir Bushwack, Dreamer und Tag Along wieder und hiken mit den dreien weiter. Jeder kämpft gerade mächtig mit dem Halfway-Blues, wir sind nicht die einzigen. Und endlich, endlich, erreichen wir auch den halfway point! In Boiling Springs nehmen die 3 ein sündhaft teures Zimmer in einem Resort und lassen uns dort duschen und in die Sauna gehen. Abends trinken wir gemeinsam am Feuer Bier, wir hiken im Dunkeln aus der Stadt und schlagen unser Zelt am ersten verfügbaren Platz auf. Und dann, ein paar Tage später, als ich mich gerade frage, ob ich hier noch hingehöre, sehe ich ihn: Einen Fuchs. Er steht vor mir auf dem Trail mit seinem buschigen Schwanz, dreht sich kurz zu mir um und läuft weiter. Am selben Tag lausche ich in mich hinein: die Bestie macht eine Pause, hat sich zur Ruhe gelegt und schläft. Nur ein leises Schnarchen ist zu hören. Gerne würde ich mich noch etwas in ihrem Magen suhlen, doch ich klettere nach oben, durch den tiefen, engen, dunklen Schlund, sehe die Reißzähne blitzen, Rasiermesser in der blassen Sonne, öffne mit viel Kraft das Maul und springe hinaus. Es ist nicht gut, aber es ist besser. Wir laufen durch Maryland und Pennsylvania, nach 3 Wochen nehme ich meine Kopfhörer wieder aus dem Rucksack und setze sie auf. Ich versuche mich zu erinnern, warum ich hier bin: weil ich es liebe zu hiken. Über Steine zu springen, zu balancieren, auch mit einem schweren Rucksack. Über Wurzeln zu steigen, über Felsen zu klettern, sich zu pushen und 25 Meilen laufen. Musik auf die Ohren zu legen, zu spüren und sich vom Klang führen lassen. Ich spüre den Bass in meinen Adern, die Melodie in meinem Bauch. Zu Kasabian fliege ich über die Steine, ich laufe mich in einen Rausch während eines climbs, ich komme außer Atem oben an und bin glücklich wie schon lange nicht mehr. Am vorletzten Tag in Pennsylvania laufen wir 28,6 Meilen, trotz der vielen Kletterei. Abends, nach 14 Stunden trinken wir ein wohlverdientes Bier in einem Resort, das zufällig am Weg liegt. Ich setze mich kurz abseits von den anderen ans Feuer um zu rauchen. Die Sonne geht unter und es gibt keinen Platz auf der Welt, wo ich lieber wäre. Also, wenn ihr mich sucht, ich bin die, die den Weg aus dem Wald gefunden hat und mit den Wölfen herumstreift. Ich bin die, die wie ein Raubtier, das seine Beute erschnüffelt einen Berg hinaufrennt, immer gejagt von Erinnerungen. Und ich bin die, die oben auf dem Berg einen Schrei ausstößt, machtvoll und bis ins Tal reichend. Und wenn ihr wollt, dann kommt und schreit mit mir.

Liebe Myrtis, man merkt das die Magie fehlt, die einen sonst beim lesen deines Reports mitgenommen hat. Es kann nur besser werden. Der Fuchs der dir begegnet ist, war vielleicht das Zeichen, dass du gebraucht hast. Ich wünsche euch ,dass ihr den Trail gut beendet. Alles Gute für euch.
Mega!
Puh, das erschüttert mich bis ins Mark. Ich verstehe. Fühlt euch gedrückt!
Danke für deine Zeilen! Echt ergreifend und traurig, mutig und aufbauend.
Ich schrei mit euch!