State Law

Der Hurricane Helene, der am 26.9.24 sein Unwesen getrieben hat, traf den Abschnitt, den wir gerade durchlaufen besonders schwer. Helene hat Häuser und sogar ganze Orte zerstört, Menschen von Versorgung und Strom abgeschnitten, große Teile des Trails wurden entweder weggespült oder unter tausenden von Bäumen begraben, die der Sturm aus dem Erdboden gerissen hat. Dass man diesen Abschnitt schon wieder durchlaufen kann, grenzt an ein Wunder. Wenn ich daran denke, wie wir vor allem auf dem CDT mit Blowdowns zu kämpfen hatten. Manchmal mühsam über und um dutzende Bäume navigieren mussten, die den Trail unter sich begraben hatten. Im Vergleich hierzu ist der AT in einem perfekten Zustand. Also fast. Es gibt nach wie vor Sperrungen, die man umgehen muss, aber verhältnismäßig wenig. Die Aufräumer:innen haben einen wahnsinnigen Job gemacht. Oft laufen wir an Bergen von Stämmen, Äste oder auch ganzen Bäumen vorbei. Aber über Bäume steigen müssen wir so gut wie nie.

Die Brücke neben dem Uncle Johnny’s ist noch nicht wieder aufgebaut, daher zwängen wir uns mit 14 anderen Hikern in einen Van und werden um den Fluß gefahren. Auf dem Trail treffen wir auf eine Schildkröte, die sich in ihren Panzer verzieht, als sie uns kommen hört.
Es liegen 53 Meilen bis zum nächsten Resupply vor uns, was wir auf drei Tage geplant haben. Abends campen wir mit Bushwhack, Dreamer und Tagalong. Wir lachen viel und nehmen an einem Abend zu viert eine kalte Dusche unter einem Wasserfall. Joker sieht dabei amüsiert zu. Das war tatsächlich meine zweite Dusche am selben Tag, denn vormittags haben wir im Refuge Hostel unsere Vorräte notdürftig ausgefüllt und geduscht.

Am Freitag kommen wir dann im Boots Off Hostel an. Ein Ort, der etwas aus der Zeit gefallen scheint. Wir werden von ein paar grauhaarigen Hippies begrüßt, die uns erstmal ein Bier anbieten. Wir haben uns eine kleine Cabin gebucht, es gibt eine große Feuerstelle, eine Küche, lustige Outdoor-Duschen in denen das Wasser aus durchlöcherten Eimern auf einen herunter prasselt und jede Menge schräger Vögel. Lucky Moon, bei der wir ein checken ist eine ältere Lady mit einem speziellen Südstaaten Charme, wie man ihn aus Filmen kennt. No Rush, der aussieht als wäre er Jimmy Hendrix Roady gewesen fragt uns immer wieder nach der deutschen Übersetzung seines Trailname. Er wird sie sich an diesem Abend nicht merken, er hat ja keine Eile, da er schon seit 9 Jahren auf dem AT ist, aber bisher genauso weit gekommen ist wie wir. JBird haben wir schon einige Male getroffen, er ist eine interessante Persönlichkeit und das nicht nur, weil er der einzige ist, der No Rush an diesem Abend im Schach schlagen kann. Er startet dieses Jahr nun zum dritten Mal den Anlauf den AT zu laufen. Sein kleines Problem ist, dass er leider überhaupt kein Geld hat. Dafür kennt er sich im Wald aus und findet immer wieder was Essbares. Wenn er nicht gerade über Gott und Jesus spricht, kann man sich ganz gut mit ihm unterhalten. Er ist ein wenig der Prototyp für das Kind im Manne.
MasterChef hat heute Geburtstag, was wir ein wenig feiern wollen. In der Tankstelle legen Joker und ich wie schon so oft den gesammelten Alkohol auf die Theke und ich greife nach meinem Ausweis. Doch diesmal will die Dame an der Kasse auch ihren Ausweis sehen, den sie natürlich im Hostel liegen hat. Folge ist, jetzt kann keiner von uns beiden über 40 jährigen dort Alkohol kaufen. Moses fährt uns zur nächsten Tankstelle. Diesmal gehen MasterChef und ich hinein, doch der etwas unompetente Mitarbeiter hat ein Problem, weil unsere kanadischen bzw. deutschen Ausweise sich nicht einscannen lassen. Wir weisen ihn höflich darauf hin, dass man das auch per Hand eingeben kann, aber er sagt, nein es ist State Law, dass man ihn scannen muss. Eine letzte Chance bleibt uns noch, diesmal gehen Fuego und ich hinein, die Kassiererin ist sehr nett, will aber wieder meinen Perso scannen. Fuego und ich tauschen bange Blicke. Dann ruft die Kollegin, just type it in. Puh, die Feier ist gerettet. So habe ich mich zuletzt vor Jahrzehnten gefühlt.
Als ich mir am nächsten Morgen den etwas schalen Geschmack aus dem Mund putzen möchte gerate ich ins stocken. Diese neue Zahnpasta schmeckt irgendwie komisch und klebt merkwürdig an meinen Zähnen. Ich schaue mir die Packung nochmal genauer an. Wir haben uns bei Fixodent nichts gedacht, klingt wie eine Aldi-Zahnpasta. Ist aber wörtlich gemeint und eine Haftcreme für die Dritten. Tja, passiert. Heute stehen nur knapp 9 Meilen und evtl. Schwimmen im See an. Schön genug ist das Wetter dazu.

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