birds and meadows

In den Wäldern habe ich mich schon oft verloren. Doch ich wusste nicht, wie leicht man sich in einer Wiese verlieren kann.
Ich streife durch die saftigen, dicken Grashalme, eine Weide lässt ihre Äste in den Fluss hängen, Blüten in allen Farben platzen auf an jeder Ecke. Apfel- und Rosenduft hängt in der Luft, Vögel zwitschern und der Himmel spannt seine unendlichen Flügel aus. Die Zeit tropft träge wie Honig von den Bäumen und Ästen, Blut tropft von meinen Fingern, als ich die dornigen crab apple trees durchstreife.
Nach einem unglaublichen Abend im Boots off Hostel machen wir uns einen faulen Tag. Tereza und ich springen kurz in den See und aalen uns dann in der Sonne. Abends am shelter fällt die Temperatur schlagartig, wir beobachten staunend ein Gewitter. Leise zieht es auf, leuchtet für uns in wunderschönen Farben.
Der nächste Morgen ist bitterkalt und eisig. Sehnsüchtig denken wir an den schönen Nachmittag am See zurück. Auf dem ersten Stretch wollen meine Füße nicht warm werden. Zum Glück macht Jonathan in der Pause ein Feuer und wir halten alle unsere beinahe abgestorbenen Gliedmaßen so nahe wie möglich an die lechzenden Flammen.
In Damascus gönnen wir uns einen Tag im Hostel, dann führt der Trail uns durch die Grayson Highlands, eine Bilderbuch-Landschaft, von wilden Ponys bewohnt. Aus Pferden mache ich mir eigentlich nicht viel, ich liebe Esel, aber diese Ponys sind einfach nur süß. Schwarz, braun, gefleckt und langmähnig grasen sie in den Wiesen und manche lassen sich von mir streicheln. Tiere streicheln macht einfach glücklich!
Am Abend schlagen wir unser Zelt in einer idyllischen Lichtung auf, der Fluss murmelt seinen Fluss-Gesang neben uns und als die Sonne immer tiefer rutsch,  kommt im rosa Abendlicht eine Pony-Familie zu Besuch. Purer Kitsch!
Die Highlands sind definitiv das schönste Stückchen bis jetzt, ein bisschen wie unsere Alpen.
Wir treffen Will wieder, den wir ganz am Anfang kennengelernt haben, ein sehr, sehr witziger und schlauer Typ. In Marion machen wir einen lang verdienten Zero Tag, wir essen, relaxen und ich mache mit Will ein Großmutter-Fußbad. Am ersten Abend nach der Stadt zelten wir mit cocaine bear und woodchip. Das angekündigte Gewitter kommt dann in der Nacht. Ein Blitz reißt uns alle aus dem Halbschlaf, Cocaine Bear schreit auf, ich quieke eher und mein erster Gedanke ist: das war’s jetzt! Der Einschlag klang so verdammt nahe ….
Bis Pearisburg schlagen wir uns tapfer durch, machen über 20 Meilen Tage, die Auf- und Abs sind einfach anstrengend. Wir treffen auf „ sir pissalot“ , der beste Trail Name bis jetzt, ein ex-Military, der etwas deutsch spricht, und seinem Namen alle Ehre macht.
In der Stadt feiern wir dann mit bushwack, tagalong und den Brüdern Julelog und Tripwire, die unsere Söhne sein könnten. Wir haben einen großartigen Abend, der Mond versinkt in Margaritas.
Immer wieder treffen wir auf Mantis, die den besten Job der Welt hat: sie supportet einen hiker, der den Trail nur mit daypack laufen möchte. Von Michigan sind beide mit seinem Wohnmobil angereist und Mantis setzt Bucky an einem Parkplatz am Trail ab, sucht sich mit dem Camper einen gut zugänglichen Platz ca 15- 20 Trail-Meilen weiter und wartet dort auf ihn. So kann Bucky ohne Zelt, ohne Schlafsack und schwerem Equipment laufen, Mantis macht einstweilen Trailrunning, strickt, liest, schläft und wartet. Immer, wenn wir sie treffen, hat sie Chips, Schokolade und Bier für uns. Außerdem hat sie die allerbeste shitting-Story:
Sie ist den Trail natürlich auch schon gelaufen und eines Tages gibt es gleich zwei mal Trailmagic, kein hiker lässt Essen ungenutzt liegen, also hat sie sich komplett überfressen.
In der Nacht macht ihr Magen dann schreckliche Geräusche, sie kann sich gerade noch aufsetzten, für die untere Körperhälfte ist es schon zu spät (hoffe, ich muss das nicht weiter ausführen), ihren Kopf kann sie gerade noch aus dem Zelt halten, um sich zu übergeben. Während sie versucht, sich und das Zelt zu säubern, hört sie draußen ein seltsames Geräusch. Als sie das Zelt öffnet, sieht sie ein Stinktier, das nun die „Trailmagic“ aufknuspert.
Besser geht’s nicht.
Ein kleiner Vogel macht uns momentan die Nacht zur Hölle: der whippoorwill. Diese gefiederten Nervensägen sind eigentlich ganz putzig. Leider halten sie sich gerne am Wasser auf und sind nachtaktiv. Und ziemlich laut. Über Stunden quäken sie ihren dämliche Vogel-Ruf in die Nacht und lassen sich auch nicht wirklich verscheuchen. Jason, den wir später treffen, meint, jeder hiker hat einen eigenen whippoorwill, der ihm für immer folgt……
Eines Mittags sitzen wir zusammen und bemerken, dass unser Plan 22,5 Meilen zum nächsten Zeltplatz zu laufen durch einen neuen Kommentar in unserer App in Gefahr gerät: mayor tom und ground control haben gepostet, dass 7 hiker von dem Wasser dort krank wurden. Doch eigentlich haben wir überhaupt keine Lust, 5 Meilen mehr zu laufen. Wasser ist gerade wirklich ein Problem. Wir haben im Moment Strecken von 8 bis 10 Meilen ohne Wasser!
Die ganze Pause diskutieren wir mit tagalong: wie schlimm kann es schon werden? Ein bisschen Durchfall oder tagelange Übelkeit? Der Noro- Virus, der uns wirklich mehrere Tage außer Gefecht setzen könnte?
Bushwack mahnt aus dem off: „seven hikers got really sick…….seven hikers……very sick!“
Tagalong und ich schauen uns an: no Risk, no fun! Hiker-Faulheit ist nicht zu überbieten.
Am Ende geht alles gut, das Wasser ist total in Ordnung, die 7 hiker hatten vorher Tankstellenpizza und ziemlich viel Bier….
Die letzten Tage cruisen wir über wunderschöne Wiesen und atemberaubende cliffs mit spektakulären Abstiegen. Am letzten Abend kommen wir an McAfee Knob vorbei, wahrscheinlich der meistfotografierte Ort auf dem AT. Von einem großartigen Überhang hat man dort wunderschöne Ausblicke. Diese letzten Tage waren ein wirkliches Highlight, nun freuen wir uns auf einen Zero Tag in Roanoke. Cruze Control, den wir vom CDT kennen, holt uns ab und ich sitze gerade auf seiner Terrasse und trinke meinen 3. Kaffee.
Nächste Woche stehen die trail days an, ein riesiges hiker Festival. Da wir weder auf dem PCT, noch auf dem CDT auf den trail days waren, wäre das ein riesiges, rauschendes Fest, wo wir sämtliche hiker wiedersehen würden. Wir alle sind schon in heller Vorfreude auf ein paar Tage Nichtstun und Feiern.
Das Problem ist: wir sind nächste Woche bei Meile 800, die trail days bei Meile 470.
Dazu kommt, dass Thomas keine Lust hat, ich aber unbedingt will.
Wer kann den anderen überzeugen? Wer dem anderen das Leben mehr zur Hölle machen? Werden wir für eine Weile getrennte Wege gehen? Werde ich heute ein Zweitzelt kaufen? Werden wir uns scheiden lassen?
Prognosen gerne in die Kommentare 😉
Happy Trail(day)s!!!!

6 thoughts on “birds and meadows

  1. Herzlichen Dank für die wahnsinnig sinnliche Beschreibung der Highlands mit den Ponys! Ich umarme euch!
    Du kannst Thomas bestimmt überreden zu ein paar Happy Trail Days, sonst bläst Harry ihm einen.

  2. Lieber zweitzelt statt Scheidung außerdem ist dann die Wiedersehensfreude um so größer wenn ihr euch ein paar Tage nicht seht. Viel Spaß auf den Traildays!

  3. Prognose:
    Ihr werdet bei den Trail days sein , das dürft ihr euch nicht entgehen lassen gute Freunde wieder zu treffen das Leben ist zu kurz um etwas zu verpassen !
    Thomas, auf geht’s
    Lg Anja

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