Fairies, angels and wishing trees

Der Wind schleicht wie ein hungriger Wolf um unser Zelt, er jault, heult und zerrt an unseren dünnen Wänden. Dann setzt der Regen ein. Erst tröpfelnd, dann lautstark gießend trommelt er auf unser Dach. Auf einmal zerschneidet ein helles Licht den Himmel. Kurz darauf rollt der Donner über uns hinweg, lässt uns seine Wucht spüren. Ich ziehe den Schlafsack über mein Gesicht und drehe mich zur Seite, wie ein Kind, das die Augen schließt, in der Hoffnung, unsichtbar zu sein, in der Hoffnung, dass ihm nichts Schlimmes passiert. Es ist alles gut. Es ist nur ein Gewitter. Alles ist gut. Alles ist gut.

1,5 Wochen vorher sitze ich mit Cliffhanger in Amicolola falls, am Startpunkt des trails. Cliffhanger ist der süßeste und schlauste 30 jährige auf der Welt. Ich gestehe ihm meine Angst, mich auf dem AT zu langweilen. Die beiden anderen trails hatten diese enorme Weite, die Abwechslung, erst Wüste, dann hohe Berge, dann Wälder …. Dieser Trail führt nur durch den Wald, von Georgia nach Maine. Den Wald habe ich auch zu Hause. Er wird der „Green Tunnel‘ genannt, ein Tunnel durch die Wälder, ohne große Aussichten, ohne Abwechslung. Wenn ich mich langweile, werde ich quengelig, wie ein Kind, dann werde ich wütend. Und ungerecht.
Cliffhanger rät mir, mich auf den sozialen Aspekt zu konzentrieren, die Menschen auf dem Trail und in der Community. Es sind hier nicht die weiten Ausblicke, die grandiose Landschaft, die unglaubliche Umgebung, die einen weitermachen lässt: es rückt alles ein bisschen näher, die Weite verliert sich. Es geht um das, was vor dir liegt, was direkt greifbar ist. Die Blume am Wegesrand, die Menschen, die dir nahe sind. Und dir immer wichtiger werden.
Ich brauche immer etwas, das mich antreibt. Hier ist es die Aussicht auf die nächste Stadt, auf einen Kaffee mit Milch und Zucker, eine Coke Zero oder ein root beer. Die Aussicht, zusammen irgendwo zu sein, zusammen zu sein.
Alles wird hier kleiner, enger, persönlicher.

Ein anderer hiker drückt es so aus: this is what you get! You don’t get more. Just hike it!

Und schon nach 1,5 Wochen kann ich spüren, was sie meinen: die Menschen hier sind unglaublich. Und die Begegnungen intensiver.

Just John ist einer der Menschen, die mich sofort Wärme spüren lassen. Solche Männer trifft man nur auf dem Trail. Mit Freiheit im Herzen. Nicht gemacht für die normale Welt.

Primrose ist 66 und Urgroßmutter geworden. Sie hat ihre grauen langen Haare zu Zöpfen geflochten und ist wunderschön. Ein Feuer leuchtet in ihren Augen, das niemand zu löschen vermag.
Anika hat einen Master in vocal Performance, sie ist 26 und liebt Barock Musik. Diese wunderbaren jungen Frauen hier, selbstbewusst, aber sich bewusst, was sie wollen, oder nicht opfern möchten.

An einer Wasserquelle rasten wir mit Ris, an einen umgefallenen Baumstamm gelehnt machen wir Kaffeeklatsch , sie hat mushroomcoffee mit Vanille- Collagen Pulver, das wir uns teilen und wie zwei alte Freundinnen reden und diskutieren wir über alles, was das Leben ausmacht.
Wir alle befinden uns in einer Blase, wir bewegen uns gemeinsam auf diesem Trail.
Carl, Hardtag und Magicman sind super witzig, am meisten lachen wir gemeinsam über Dinge, über die man sonst nicht redet… ( shitting Stories)
Eines Abends treffen wir Jonathan und Mountain Fairy. Über Jonathan würde ich gerne ein psychologisches Gutachten verfassen. Eine Mischung aus Engel, Peter Pan und Dieter Thomas Kuhn. Lange, blonde Haare, die ein unschuldiges Gesicht einrahmen.
Ein Kind im Körper eines jungen Mannes. So unbedarft, spielerisch und immer hoffend und glaubend und lachend.
Mountain fairy hat einen Knochen durch die Nase gezogen und trägt ihre Zahnbürste als Ohrring. Eine wunderschöne junge Frau, die in ihrer eigenen Welt lebt.
In Neel‘s gap treffen wir zum 1. Mal auf Marlboroman. Ein kleiner, übergewichtiger mittelalter Mann, der wie Rambo die Bühne betritt.
Cool wie Clint Eastwood, körperlich eher angelehnt an Alan Garner aus Hangover. Das Longsleeve, das er sich überstülpt, hat er wahrscheinlich nach dem letzten Trail gekauft, mit 30 Pfund weniger auf den Rippen. Es geht gerade so über die Brüste, der Trommelbauch bleibt frei und auf der Rückseite mündet ein sehr ausgeprägtes Maurerdekoltee in etwas zu enge, aber knallrote Shorts. Doch diese roten Shorts rocken den Trail!
Mark war früher Feuerwehrmann. Er hat seine 1. Frau an OxyContin verloren. Tapfer hält er mit uns mit.
Pokie, 76, wollte den Trail mit ihrem Mann laufen. Dieser hat nach einem Tag aufgegeben, er hatte Ende des Jahres eine OP am offenen Herzen. Nachdem sie ihn zum Flughafen gebracht hat, läuft sie alleine weiter.

All diese Menschen und ihre Geschichten lassen mich so bewegt zurück, ich fühle mich klein und dankbar und voller Liebe für sie alle. Das ist es, was diesen Trail ausmacht.

Ein guter Geist des Waldes hat in Baumhöhlen Bier versteckt, eins für mich und eins für Thomas. Wunschbäume auf dem Trail.

Tage später treffen wir Mick Murphy, der behauptet, ein Hund hätte ihm ein Gatorade geschenkt, ich glaube ihm. The trail provides.

Und dann findet Ris für mich einen Korkball. Ich hatte meinen zu Hause vergessen. Dankbar wälze ich meine Hüfte und meine Füße abends über mein Geschenk.
Wir erreichen nach einem fiesen Aufstieg die 100 Meilen Grenze. Hart umkämpfte 100 Meilen. Ris und Anika sind schon oben, alle jubeln für jeden, jede, jubeln für mich. Als Primrose ankommt, jubeln wir alle am lautesten.
An diesem Abend schlafen wir nach einer trail magic hoch oben auf dem Gipfel eines Berges. Dann zieht das Gewitter auf.
Später wird es stiller, es regnet nicht mehr, sondern tropft nur noch von den Bäumen. Nur in Unterwäsche steige ich nach draußen, werde langsam eins mit dem Wald, seinen Geräuschen, seiner Dunkelheit, seinem Geruch, seinem Atem, der mich umfängt. Meine Adern sind seine Wege, meine Venen seine Flüsse.

Alles ist klar, der Himmel ist voller Sterne und unter uns liegt die Stadt, in der wir morgen alle schlafen, duschen, essen, trinken, lachen. Was für grandiose Aussichten, denke ich, klettere bibbernd zurück ins Zelt und ziehe nochmal den Schlafsack über mein Gedicht, rolle mich zur Seite und schlafe friedlich ein.

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